• Das Gegenteil von Slapstick (Paule Hammer, 2006)

    In Juliana Ortiz´ Arbeiten  geht es  immer wieder um das zu- Hause- sein: wo wird geschlafen, was wird gekocht oder gebacken, was hängt an der Wand. Sie malt den Wohnzimmerteppich, das Bett, die Tapete, das Telefon. Sie malt die Lampe an der Decke des Ferienhauses ihrer Eltern und das Makramee- Ornament an der Wand. Sie malt das elterliche Wohnzimmer sowie das ganze Haus von außen gesehen. Sie malt die Schaukel im Garten mit den Spuren ihrer Benutzung im Schnee.

    Beim Teppich legte sie die Kontur des Bildes und des dargestellten Gegenstandes zusammen. Dadurch thematisierte sie die Bildhaftigkeit des Objektes ebenso wie die Objekthaftigkeit des Bildes. Das In- die- Perspektive- Kippen des Teppichs, das den Bildumriß zum Trapez macht, und die Malweise, die die Stofflichkeit eines echten Teppichs nachahmt, lassen einen Raum in der Vorstellung entstehen, dessen weitere Einrichtung der Vorstellungskraft des Publikums überlassen bleibt. Das Bild ist wie eine Brücke in ein Interieur im Kopf.

    Wie im Teppich tauchen  auch in vielen anderen ihrer Bilder Muster auf. Muster- ob gewoben oder geknüpft oder wie gewoben oder geknüpft gemalt- haben etwas Vermittelndes. Sie stehen zwischen Unikat und Reproduktion, zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, sie verbinden das Häusliche mit dem Industriellen, sie können Nachahmung sein ebenso wie konkrete Kunst, sie verweisen inzwischen genauso auf das Kunstgewerbe des 19. Jahrhunderts wie auf die Serien der Moderne und  der Gegenwart.  Und vor allen Dingen: so vor sich hin zu weben kann sehr trostreich sein - ein Versinken in Gleichförmigkeit als Erholung vom Druck, immer wieder etwas Neues, Originelles hervorbringen zu müssen, gleichzeitig aber die Gewißheit, daß das Bild wächst und wächst und wächst...

    Muster verbinden die Langeweile mit dem Schöpfungsakt. Nicht zuletzt ist die Herstellung von Mustern auch eine Analogie zu Prozessen in der Natur. Auch dort gibt es Spezi(e)s, denen ein dickes Fell nicht von selbst gewachsen ist, die sich deshalb eines machen müssen, wie etwa die Larven der Köcherfliege, die ihr weiches Hinterteil mit Steinchen und Stöckchen umkleiden, was wiederum aussieht wie selbstgemachte Vasen aus den Siebzigern.

    Ortiz´ Bilder wirken immer wie „selbst gemacht“. Nie fangen serielle Strukturen an, industriell zu wirken, noch ist Ortiz um eine besonders virtuose Ausführung bemüht. Sie erfindet und setzt um- ihre Techniken kommen eher aus dem Hobby als aus der Akademie. Eine Phase der Veredelung gibt es nicht. So entsteht eine Kunst, die nicht aufgrund ihrer Umsetzung  opulent oder zwingend wirkt, sondern aus der Neugierde heraus, die zu ihrer Entstehung führte. Einige der abgebildeten Gegenstände sind wirklich selbst gebaut, improvisierte Lösungen für Alltagsprobleme – auch wenn nicht immer ganz klar wird, welche. Am „Haken“ zum Beispiel könnte man Kleider aufhängen, er könnte aber auch Vögeln zum Pause – machen dienen, nach einem langen und anstrengenden Flug etwa. Er könnte aber auch ein Utensil sein aus der Welt von „Liesel“ und dem „Naturburschen“, die seltsam hängen geblieben wirken auf dem Weg vom Gegenstand zum Lebewesen und stolz ihre Funktionslosigkeit behaupten.

    Und immer wieder erscheint Ortiz selbst, als hätte sie der Gemeinschaft der Menschen den Rücken gekehrt, in manchmal märchenhaft, manchmal sprichwörtlich erscheinenden Situationen, durch die sie sich mal wach, mal schlafend, mal schlafwandelnd, bewegt.  Abgesehen von Portraits ihrer Familienmitglieder ist sie die einzige Person, die auf den Bildern auftaucht. Oder zumindest die einzig menschliche Person, denn seltsam lebendig begegnen einem Bett, Stuhl und Vorhangstange.  Doch hat dies nichts Beängstigendes an sich, die Gegenstände sind keine Feinde, wie im Slapstick, sondern freundliche Wesen, die nichts anderes zu wollen scheinen, als ihre Schöpferin zu umgeben, so als gäbe es ein Einverständnis zwischen Mensch und Material.

  • Teppich

    Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm, 2004

  • Brennholz

    Acryl auf Leinwand, 150 cm x 120 cm, 2006

  • Zapfen

    Acryl auf Leinwand, 20 cm x 10 cm, 2007

  • Mütze

    Acryl auf Leinwand, 120 cm x 60 cm, 2007

  • Raster

    Acryl auf Leinwand, 40 cm x 30 cm, 2007

  • Neonröhre

    Acryl auf Leinwand, 120 cm x 150 cm, 2006

  • Lichterkette

    Acryl auf Leinwand, 110 cm x 140 cm, 2007 Motiv nach Markus Uhr

  • Leine

    Acryl auf Leinwand, 140 cm x170 cm, 2006

  • Bügel

    Acryl auf Leinwand, 150 cm x 100 cm, 2006

  • Lampe

    Acryl auf Leinwand, 150 cm x 70 cm, 2006

  • Haus

    Acryl auf Leinwand, Spiegel, 310 x 400 cm, 2007

  • Stimmungsvorhang

    Acryl und Lack auf Leinwand, 140 x 170 cm, 2006

stop video